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Lust

Kurzgeschichte


Ein Misserfolg
Der Kies knirschte, als der große Kombi langsam auf den Hof rollte. Der Fahrer drehte sanft am lederbezogenen Volant und lenkte den unauffälligen schwarzen Wagen nach links, wo er ihn ruckfrei und fast parallel zur Laderampe des Wirtschaftsgebäudes zum Stehen brachte. Der Motor erstarb; für einen Moment herrschte Stille auf dem kaum einsehbaren Hof. Dann stieg Reinhard Mühlbauer aus. Der Schwung, den er der Fahrertür versetzte, reichte gerade aus, um sie sanft ins Schloss fallen zu lassen. Die meisten Menschen, die er kannte, warfen Autotüren gefühllos und mit völlig übertriebener Härte ins Schloss. Reinhard Mühlbauer verabscheute es, wenn kostbare Dinge nicht mit gebührender Sorgfalt behandelt wurden.

Mühlbauer blickte sich um und ließ den Autoschlüssel, den er immer einzeln bei sich trug, in die Hosentasche gleiten. Die Stufen zum Eingang des kleinen Lebensmittelladens nahm Mühlbauer gemächlich, eine nach der anderen. Als die Automatiktür den Weg nach innen frei machte, sah er sie. Sie lag ziemlich weit unten, neben anderen Schönheiten. Und obwohl es ganz gut aussah für das Vorhaben, dass er seit Monaten in die Tat umzusetzen versuchte und Mühlbauer auf diesen Tag lange gewartet hatte, kroch ganz hinten in seinem Kopf ein Gefühl der Besorgnis empor, dass ihn zweifeln ließ. Zweifeln daran, dass es heute endlich klappen würde, dass es heute etwas werden würde mit ihr und ihm. Er hatte das Gefühl, dass es wieder schiefgehen könnte, dass es wieder nichts werden würde, wie an so vielen Tagen zuvor, an denen er voller Vorfreude den Weg auf sich genommen hatte. Und immer nur, um wieder und wieder enttäuscht zu werden. Mühlbauer wischte auch diese Gedanken weg. »Sie ist doch noch da. Sieh doch!« sagte er zu sich selbst. »Heute klappt es!« Noch zwei Meter trennten ihn von ihr. Sie, die verführerisch und glänzend vor ihm lag, nur durch eine Glasscheibe getrennt. Er kramte in seiner Hosentasche nach Bargeld. Viel kostete sie nicht. Die Preise waren niedrig in dieser Gegend. Mühlbauer erwischte einen Geldschein und zog ihn aus der Tasche.



Er war auf wenige Meter an sie herangekommen und hatte schon ihren Geschmack auf der Zunge, das prickelnde Gefühl, wenn er sie ganz für sich alleine hatte, ohne Zuschauer. Sie war die letzte heute. Alle anderen hatten schon zahlungskräftige Kunden gefunden. Er hielt den Geldschein mit beiden Händen, als wolle er ihn überreichen, als sei er seine Visitenkarte. Fast wurde ihm schwindelig, so sehr war sein Verlangen angeschwollen. Er war glücklich. Glücklich, dass er sie heute bekommen würde. Denn daran gab es fast keinen Zweifel mehr. Wieder kam er ihr einen Meter näher. Er konnte schon die Feuchtigkeit auf ihrer Haut erkennen. Winzige Perlen, die sich in der Hitze bildeten. Nur noch ein Kunde stand zwischen Mühlbauer und der verführerischen dunklen Schönheit. Der Mann schwitzte. Die spärliche Behaarung seines Hinterkopfes war nass von Schweiß. Der Haaransatz war für Mühlbauers Geschmack viel zu hoch. Das verlieh dem Schädel des Mannes schon von hinten ein lächerliches Aussehen. Als Reinhard Mühlbauer den Mann abschätzig musterte und seinen Blick an ihm hinuntergleiten ließ, rückte dieser den letzten Meter vor. Als der Mann sprach, hatte seine Stimme einen unangenehmen Klang, das was er sagte, ließ Mühlbauer jedoch das Adrenalin in die Blutbahn fahren, so als käme eine alte Angst in ihm hoch.

»Eine Schokobanane bitte!« rief der Mann fast überlaut. So, als wusste er um Mühlbauers Verlangen. Reinhard Mühlbauer wich das Blut aus dem Gesicht. Er sah, wie die Verkäuferin mit einem großen, glänzenden Werkzeug aus Edelstahl unter sein Lieblingsstück fuhr und es mit geübtem Griff aus der Auslage holte. Dann wickelte sie die Ware in graues Papier und überreichte das Päckchen dem Mann. Mühlbauer wurde schwarz vor Augen. Er taumelte zwei Schritte zurück, sank auf die Knie, verbarg sein Gesicht in den Händen und verharrte. Dann weinte Reinhard Mühlbauer. Das erste mal seit drei Jahren. Als er die Hände vom Gesicht nahm, sah er durch den Tränenschleier hindurch eine große Limousine majestätisch und aufreizend langsam den Hof entlangrollen. Der Mann mit dem lächerlichen Kopf saß am Steuer und kaute.

 
 

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