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Blauton #2

Medium: Aufwändig produziertes und ungewöhnlich gestaltetes Mitarbeitermagazin mit hohem inhaltlichen Anspruch. Schwerpunktthema der Ausgabe: „Konsequenz“. Auftraggeber Hirmer GmbH & Co. KG / Birke und Partner


Muss das sein? Das muss sein!

Jeder kennt sie: Menschen, die in fast allen Lebensbereichen auffallend konsequent sind. Sie haben Prinzipien. Feste Regeln, an die sie sich halten. Immer. Und als Vasallen ihrer eigenen Gebote beharren sie auf diesen Prinzipien sogar dann, wenn es nicht angebracht ist. So erledigen sie den Abwasch, obwohl draußen die Sonne brennt und übersehen, dass Teller und Tassen durchaus auch geduldig bis abends auf den sonnenhungrigen Spüler warten. Gleich einem Duracell-Hasen ziehen die Konsequenten durch, was durchgezogen werden muss. Batterien rausnehmen kann man nicht, weil es im Grunde auch nur Menschen sind wie du und ich.

Freilich bleiben sie der restlichen Welt eine Erklärung für ihr Treiben schuldig. Selbst knappe Antworten auf die Frage, warum sie ihre Aufgaben abarbeiten wie der Terminator, sind ihnen kaum abzuringen. Erwischt man dann doch mal einen, um ihn nach den Gründen für die selbst auferlegten Lebensfesseln zu befragen, heißt es stets: Sie brauchten nun mal ihre Routine. Was sie übersehen: Wer es nicht wagt, Monotonie und Eintönigkeit zu durchbrechen, dem droht ein rascher Niedergang der geistigen Fähigkeiten und eine Verschlechterung der Lebensqualität. Kurz gesagt: Wankelmütige haben mehr Spaß und bleiben länger schlauer. Wir greifen uns die schönen Dinge, wenn sie zum Greifen nahe sind. Wir schlagen zu, wenn wir unser Traumauto sehen. Wir gehen mit den Kindern auch zwei Mal im Monat zu „McDonald’s“. Wir trinken Bier, bevor die Sonne untergeht. Und ja! Auch wir unstet und flatterhaft Schwankenden haben unsere Überzeugungen. Aber wir verstoßen dann und wann dagegen, wenn uns danach ist. Das macht uns glücklich.



Ich habe trotzdem überlegt, ob ich mich ändern sollte. Einer anbetungswürdigen Konsequenten zuliebe, und ob ich vielleicht wenigstens so tun könnte, als wäre ich einer von ihnen. Einer von den Unablässigen. Nach ein paar schlaflosen Nächten stand meine Entscheidung fest: „Nein! Nur die Inkonsequenz erlaubt es mir, ausgetretene Pfade zu verlassen. Und nur so kann ich die schönen Seiten des Lebens genießen. Ich bleibe konsequent inkonsequent. Ich will den alten Roadster jetzt. Ich will meinen Big-Mac. Ich will mein Bier trinken, wann ich will. Ich will
 Spaß und ich will Sonne!“ Dennoch wollte ich etwas tun, was vor allem der anbetungswürdigen Konsequenten zeigen würde, dass wir gut zusammenpassen. Und da kamen mir meine seit Jahrzehnten mich piesackenden Bandscheibenprobleme gerade recht: Denn die einzige Konsequenz, die aus diesem Gebrechen gezogen werden musste, war der Gang ins Fitness-Studio. Das sahen auch die mich umgebenden Konsequenten so und erkannten in meinem Entschluss, eine Mitgliedschaft zu unterzeichnen, sogleich die Tat eines konsequenten Mannes, der tut, was getan werden muss.

Für mich aber war die Entscheidung für die Muckibude auch eine Entscheidung für die Inkonsequenz. Denn jahrelang hatte ich Schmähkritik über jene ausgegossen, die im eigenen und im Mief anderer und teilweise sogar in Schaufenstern auf der Stelle laufen, rudern, Rad fahren oder Treppen steigen ohne sich von der Stelle zu bewegen. Und keine zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, mich dort einzureihen. Indem ich also eine Mitgliedschaft erwarb, die mich jeden Monat um 59 Euro ärmer macht, zeigte ich nach außen, wie konsequent ich war, blieb aber nach innen meiner lasterhaften, inkonsequenten Lebenseinstellung treu.

Und so schaffte ich, was vor mir wohl nur wenige geschafft haben: Um nämlich die (schweißtreibenden) Folgen der ersten Inkonsequenz zu überlagern, beantwortete ich diese einfach mit einer zweiten: Ich gehe einfach nicht hin. Könnte allerdings sein, dass ich auch hier wieder inkonsequent sein muss. Denn als ich vor ein paar Wochen gemeinsam mit der konsequenten Schönen beim Abendessen saß, sprach diese eher beiläufig:
„Ich glaube, ich komme morgen mal mit zum Sport.“ Ich hoffe dennoch, dass ich bleiben kann, wer ich immer war: Einer von den Inkonsequenten. Einer von den Wankelmütigen. Einer, der die Sonne sieht.
 
 

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